Alfaro cultratus - wer weiß was?

  • Vor ein paar Jahren kaufte ich im Handel eine Gruppe Alfaro cultratus, die laut Händleraussage bei einem Import als „Füllmaterial“ beigepackt waren. „Aus Brasilien“ versicherte der Händler achselzuckend. Das fand ich schon ein bisschen merkwürdig - zumal mir in dem Laden bis dato (und seitdem) nie dummes Zeug erzählt worden war. Aber gut: wer weiß schon, woher der Exporteur seine Tiere bezog?
    Nun bin ich beim Blättern im alten „Jacobs“ auf die Angabe gestoßen, dass es tatsächlich eine „brasilianische Form aus den kleineren Nebengewässern des nördlichen Amazonasgebietes“ geben soll. Neugierig geworden, habe ich nun ein wenig im internet gesucht – und nichts gefunden. Also: Alfaro cultratus aus Brasilien – gibt es die?


    Viele Grüße,
    Markus

  • Hallo Markus,
    Alfaro cultratus kommt in atlantischen Süßgewässern von Nicaragua, Costa Rica und Panama vor. Sehr wahrscheinlich ist die Literaturangabe "nördliches Amazonasgebiet... " auf eine Verwechselung mit der eierlegenden Art Tomeurus gracilis zurückzuführen. So etwas hält sich ja manchmal äußerst hartnäckig...
    Beste Grüße
    Detlev

  • Hallo zusammen,


    laut "Fish collection database" des Natural History Museum, London (früher British Museum of Natural History; BMNH) gibt es dort ein Exemplar von A. cultratus aus "Obidos, Brazil", 1911, Katalog-Nr.: BMNH 1911.10.28.1-2; wahrscheinlich sind es also sogar zwei Exemplare.


    Falls mal Jemand nach London fährt...


    Gruß


    Erich

  • Hallo zusammen,
    Danke für die hilfreichen Hinweise! Ich glaube, ich hab´s jetzt:


    Bill Eschmeyer sagt:
    "amazonum, Petalosoma Regan [C. T.] 1911:659, Fig. (p. 660) [Annals and Magazine of Natural History (Series 8) v. 8 (no. 47); ref. 14807] Amazon River at Obidos, Pará state, Brazil. Syntypes: BMNH 1911.10.28.1-2 (2). (...) •Synonym of Alfaro cultratus (Regan 1908) -- (Rosen & Bailey 1963:43 [ref. 7067], Lucinda in Reis et al. 2003:555 [ref. 27061]). Current status: Synonym of Alfaro cultratus (Regan 1908). Poeciliidae: Poeciliinae. Habitat: freshwater."


    Das ist das von Erich genannte Exemplar. Wenn da bei der Etikettierung nichts falsch gelaufen ist, gibt es also tatsächlich Alfaro cultratus in Brasilien.
    Ohne den alten Schmöker zu sehr beanspruchen zu wollen, noch einmal zum Jacobs: „Bei der mittelamerikanischen Stammform erreichen die Männchen eine Körperlänge von 9 cm, die Weibchen sogar von 10 cm. Die brasilianische Form (…) werden als Männchen nur 4 bis 5 cm und als Weibchen bis zu 6 cm groß“.
    Schon klar, dass die zu erreichende Maximallänge in Aquarien von verschiedenen Faktoren abhängt – aber kennt jemand Exemplare mit einer SL von 9 oder gar 10 cm? Sowohl meine damals gekauften Tiere als auch die NZ bleiben deutlich kleiner (Meterbecken, kleine Gruppe, Strömung)



    Zur Fortpflanzung von Tomeurus gracilis habe ich auf die Schnelle folgendes gefunden:


    „Tomeurus gracilis is a zygoparous or embryoparous poeciliid: internal fertilization is followed by females laying fertilized eggs singly or retaining fertilized eggs until or near hatching.“
    (Parenti LR, Lonostro FL, Grier HJ: Reproductive histology of Tomeurus gracilis Eigenmann, 1909 (Teleostei: Atherinomorpha: Poeciliidae) with comments on evolution of viviparity in atherinomorph fishes. J Morphol. 2010 Sep 22;
    hier gefunden: http://science.journalfeeds.co…inomorph-fishes/20100927/)


    Es gibt also Exemplare, die befruchtete Eier legen; aber ebenso andere, welche diese Eier bis zum Schlupf der Jungen austragen.
    Und ich sehe gerade, in der Rundschau 3/2007 hat Harro wohl schon mal was dazu geschrieben. Damals war ich allerdings noch nicht Abonnent.


    Viele Grüße,
    Markus

  • Alfaro cultratus kommt definitiv nicht in Brasilien vor. Das ist eine Verwechslung.


    Tomeurus trägt seine Jungen nie ganz aus, sondern legt sie vorher ab. Allerdings können die Entwicklungsstadien wohl unterschiedlich sein. Sonst wäre auch die Vermehrungsrate zu gering, denn bei vielen Weibchen habe ich nur ein Ei gesehen.


    HH

  • Hallo zusammen,


    HOLLY, MEINKEN, RACHOW: Alfaro cultratus bearbeitet von A. RACHOW, 18Cd,24; S. 698/99; Lieferung 67/68, unter "Biologisches und sonstige Bemerkungen":
    "Als Heimat der 1910 zum ersten Mal von Zeller-Magdeburg importierten, vom Autor an C.T. Regan weitergeleiteten und dann von diesem als Petalosoma amazonum beschriebenen Fischart ist seinerzeit "Obidos am Amazonenstrom" genannt worden, - eine Angabe, die aus verschiedenen, hier nicht weiter zu erörternden Gründen, schon sehr bald Zweifel ausgelöst hatte. Sie kann nun - nachdem Dr. Riecke-Hamburg 1927 diese selbe Fischart von einem "zentralamerikanischen Fangort" (ganz bestimmt n i c h t aus dem Ammazonasgebiet!!) einzuführen vermochte - als falsch bezeichnet werden. Und man darf wohl behaupten, daß die derzeitigen Zellerschen Importtiere ebenfalls aus Zentralamerika, wahrscheinlich sogar aus dem damals von unseren Fischfänger so bevorzugten Hafenplatz Puerto Limon (Anmerkung Erich: Costa Rica), herüber gebracht worden sind. - Nach Arnold ist 1913 von Kuntzschmann-Hamburg ein einzelnes Männchen "aus Panama" importiert worden, das im Londoner Museum als Alfaro cultratus erkannt wurde. - Nach dem Vorstehenden, besonders aber noch unter Wertung von diesbezüglichen Ausführungen von G.S. Myers und C.L. Hubbs, wird man es verständlich finden, warum hier nun über die Tatsache hinweggegangen wurde, daß, eigentlich wohl nur unter Zugrundelegung der voneinander abweichenden Vorkommensbezeichnungen -, Alfaro cultratus und A. amazonus eine Zeitlang als zwei unterschiedliche Arten betrachtet worden sind."


    Gruß


    Erich

  • Hallo Markus,
    ich habe "groß" werdende A. cultratus, mein größtes Weibchen ist derzeit etwa 9cm , das größte Männchen etwa 6,5cm lang.
    Natürlich werden nicht alle meine A. cultratus so groß.
    Mich würde brennend interessieren was da im Londoner Museum als Belegexemplar aus "Obidos" lagert. Vielleicht kann mal ein Experte seine Lupe ansetzen...
    Ich bin aber nach wie vor der Ansicht, daß es sich bei A. amazonus um T. gracilis handelt.
    Versuche Dir mal das DGLZ-Heft 3/2007 zu beschaffen, der Tomeurus-Bericht ist lesenswert.
    Beste Grüße Detlev

  • Hallo Detlev,
    meine bleiben etwa bei 6 (w) bis 4,5 cm (m) Standardlänge - wie gesagt sowohl meine erste Generation als auch die derzeit vorhandenen Tiere. Im kommenden Jahr ist der Umzug in ein größeres Becken geplant; mal sehen, ob sich dann an der Endgröße auf Dauer etwas ändert.


    So stellt sich immer noch die Frage, warum Regan die Tiere als zwei verschiedene Arten beschrieben hat (immerhin hat er sie derselben Gattung zugeordnet) bzw wer die beiden "Arten" synonymisiert hat. Im oben von mir zitierten Auszug aus dem "Catalog of Fishes" zu Petalosoma amazonum werden zwei Referenzen genannt. Lucinda nennt ebenfalls das Exemplar mit der Herkunft "Obidos" und synonymisiert dieses mit A. cultratus, als Herkuft für die Art werden jedoch Costa Rica, Nicaragua und Panama genannt. Weitere Anmerkungen fehlen. Bei Rosen und Bailey steht lediglich "presumably erroneous locality". Also doch nach London fahren?


    Zu Tomeurus gracilis: eigentlich sollte das Heft ja im Mitgliederbereich der homepage eingestellt werden. Vielleicht passiert das ja mal, bislang hat sich da noch nichts getan. Eingescannt ist es bereits seit Monaten, soweit ich weiß.


    Viele Grüße,
    Markus


    Und weil grad Weihnachten war und ich gerade Zeit habe: hier zur Abwechslung mal ein Bildchen
    [Blockierte Grafik: http://img130.imageshack.us/img130/9307/img67492klein.png]

  • Regan war sicherlich nicht so duselig, einen Tomeurus für einen Alfaro zu halten. Über die Gründe, warum er A. cultratus zweimal beschrieb, kann man nur spekulieren. Er hat ja auch den Guppy nochmals beschrieben. Allerdings produzierte er Beschreibungen am laufenden Band (von denen viele bis heute gültig sind!). Der Fundort Obidos ist sicher ein Irrtum. Das war früher gar nicht selten. Man denke nur an die Beschreibung von Ilyodon paraguayense - zwar Gattungstyp, aber natürlich nicht aus Paraguay, wie Eigenmann annahm.


    HH

  • So, ich habe noch ein paar Schnipsel zu Alfaro cultratus zusammengefegt:


    Fishbase listet 94 Aufsammlungen zu Alfaro cultratus, davon sechs ohne Herkunft und nur die beiden bereits erwähnten Exemplare (unter einer Nummer) aus „Obidos, Brazil“. Die 87 anderen (1909-2006) stammen aus Costa Rica, Panama und Ecuador.


    Im von Erich zitierten Text von RACHOW werden Ausführungen von HUBBS und MYERS erwähnt. HUBBS hat Petalosoma amazonum nie gesehen, ging zunächst aufgrund von Zeichnungen von Regan von zwei verschiedenen Arten aus (verständlicherweise, siehe unten). 1936 schreibt er dann:
    „We now agree with Myers (1927: 117) in doubting the occurrence of this genus in the faunally different waters of Brazil, and suppose that the types of Petalosoma (= Alfaro) amazonum were aquarium specimens of A. cultratus which originated in Central America rather than the Amazon region. Previously we have recognized A. amazonum as distinct on the basis of Regan's work.
    GONOPODIUM. - It is true that Regan´s figure (1913: Fig. 169F on p. 990) of the gonopodium of "Alfaro amazonum" does not agree well with the gonopodia of our specimens of A. cultratus briefly described by Hubbs (1926 : 79). Regan's figure, however, having been drawn before the refinement of the study of the gonopodial structures, omits details of real systematic value.“


    REGAN beschreibt 1911 Petalosoma amazonum anhand von zwei Exemplaren, die er von „Herr A. Rachow, of Hamburg (…) from the Amazon at Obidos“ (wie bereits von RACHOW in Erichs Zitat berichtet) erhalten hat. Petalosoma cultratum habe als Unterscheidungsmerkmale einen tieferen und mehr zusammen gedrückten Körper und eine weiter hinten ansetzende Rückenflosse („deeper and more strongly compressed body and more posterior dorsal fin.“). Allerdings scheint es sich bei den von RACHOW erhaltenen Exemplaren um konservierte Tiere gehandelt zu haben, anders kann ich mir die folgende Zeichnung der Petalosoma amazonum nicht erklären:


    [Blockierte Grafik: http://img412.imageshack.us/img412/9104/petalosomaamazonumklein.png]
    (Ich glaube, nach bald 100 Jahren darf man das so veröffentlichen – wenn es Bedenken gibt, bitte löschen)


    In diesem Text erwähnt REGAN auch den im Jahr zuvor von EIGENMANN beschriebenen Tomeurus gracilis als weiteren Poeciliiden, der als Eigenart Messerschuppen aufweist und stellt Unterschiede der beiden Gattungen heraus. Also war REGAN tatsächlich nicht duselig (so ein schönes Wort) genug, beide zu verwechseln. Selbst gesehen hatte er Tomeurus gracilis allerdings noch nicht, er beschreibt die Unterschiede beider Gattungen „fide EIGENMANN“.
    (REGAN, C. Tate: A new Poeciliid Fish fom the Amazon, with Notes on the Genera Petalosoma and Tomeurus. In: Annals and Magazine of Natural History. Vol. VIII – Eighth Series. No 47, LXXIII, p. 659. London 1911)


    Also, ich muss jetzt doch nicht mehr nach London. Jedenfalls nicht wegen Alfaro cultratus.
    Danke für die Anregungen und für´s Miträtseln!


    Viele Grüße,
    Markus

  • Damals gab es ein gewisses Wettrennen um die Bestimmung von Fischen. Rachow und Regan hatten ein gutes Verhältnis. In diesem Fall kann man als sicher annehmen, dass Rachow die Fische von einem Seemann bekommen hat. Und hier liegt sicher der Grund für die Verwechslung. Damals war es eben etwas schwieriger als heute, Fische zu transportieren. Das wird gerne vergessen. Natürlich hat Rachow die Fische nicht getötet, um sie zu Regan zu schicken, dafür waren sie viel zu teuer.


    HH

  • Welchen Wert soll denn ein lebender Fisch für REGAN gehabt haben? Ihm ging es doch nicht um Verhaltensbeobachtung, sondern ums Ausmessen, Etikettieren und ins-Regal-stellen. Das klappt mit Formalinfischchen viel besser. Und bei der Menge an (nicht nur von REGAN) beschriebenen Tieren hätten lebende Exemplare die Kapazität jedes Museums gesprengt.


    Na ja, und mich wundert eben, dass die Körperform des von ihm bestimmten Fisches nur entfernt an A. cultratus erinnert; dass REGAN (oder seine Mitarbeiter) in der Lage waren, aussagekräftige Zeichnungen anzufertigen, kann man in den „Annals“ nachvollziehen. Auch die Darstellung der Flossen deutet darauf hin, dass ihm hier wohl ein leicht angegammeltes Exemplar vorgelegen hat, finde ich.
    Die zur Beschreibung herangezogenen, wesentlichen Größenverhältnisse stimmen wieder im Allgemeinen mit lebenden Alfaro cultratus überein (Ich habe für den oberflächlichen Vergleich einfach mein weiter oben im Foto gezeigtes Weibchen als Referenz herangezogen – beide Tiere haben etwa die gleiche Lebendgröße).


    [Blockierte Grafik: http://img155.imageshack.us/img155/5008/alfarocultratuspetaloso.png]
    Die vertikalen Linien markieren die Standardlänge und erkennbare Flossenansätze und -längen.


    Aber letzten Endes werden wir den Zustand der Typen nicht von hier aus klären können. Und die Eingangsfrage scheint mir auch mit hinreichender Sicherheit beantwortet, zumal wir einen ganz offensichtlichen Punkt bislang übersehen haben: Die 1908 entlegensten Fangplätze im Amazonasgebiet lassen sich heute vermutlich alle prima per Bus erreichen. Daher wäre es schon sehr unwahrscheinlich, wenn nicht im Verlauf der vergangenen 100 Jahre nochmals Alfaro cultratus importiert worden wären.


    Viele Grüße,
    Markus

  • Hallo zusammen,


    ich denke es ist sonnenklar, das "A. amazonus" ein Irrtum ist... aber ein interessantes Thema. Bietet Gelegenheit, die "alten Schmöcker" wieder einmal zu wälzen...


    Markus hat u.a. HUBBS 1926 erwähnt, war für mich Anlaß in meinem Archiv zu stöbern. Bin fündig geworden.


    In Teil VI seiner Reihe "Studies of the Fishes of the Order Cyprinodontes" beschreibt CARL L. HUBBS (9. Juli 1926) auf - der bereits erwähnten - Seite 79 "Genus 51. Alfaro Meek". Die beiden letzten Sätze lauten:


    "These charakters I have taken only from A. cultratus, not having seen A. amazonus.


    Alfaro has regarded as a neuter gender, but being based on a personal name, must be treated as masculine."


    Es folgt als "105. Alfaro cultratus Regan" mit einigen Fundortangaben, dann "106. Alfaro amazonus Regan" ohne jede weitere Angabe. "Genus 52. Tomeurus Eigenmann" schließt sich an.


    Zu "A. amazonus" vielsagend, nichtssagend...


    Aber zu "107. Tomeurus gracilis Eigenmann" schreibt HUBBS einen herrlichen Satz:
    "On examining the types of this species, the writer was again impressed at the large amount of bizarreness concentrated in so small a fish." Absolut wörtlich übernommen!!


    Gruß


    Erich

  • Hallo Erich,
    das hört sich ja an wie DeutschEnglisch, dabei war Hubbs Amerikaner. Sogar dort geboren ;-). Aber recht hat er schon.
    Tja, das waren damals halt andere Zeiten: Wenn man einen Fisch vergleichen wollte, musste man halt um die halbe Welt reisen. Bei den manchmal doch recht wenig aussagekräftigen Erstbeschreibungen der Zeit ist es eigentlich ein Wunder, dass es überhaupt treffende Art- und auch Gattungszuordnungen gegeben hat. Wenn schon REGAN zwei Fische derselben Art (die er sogar selbst beschrieben hat) nicht auseinander halten kann...


    Viele Grüße,
    Markus

  • Zitat von "Markus"

    Hallo Detlev,
    meine bleiben etwa bei 6 (w) bis 4,5 cm (m) Standardlänge - wie gesagt sowohl meine erste Generation als auch die derzeit vorhandenen Tiere. Im kommenden Jahr ist der Umzug in ein größeres Becken geplant; mal sehen, ob sich dann an der Endgröße auf Dauer etwas ändert.


    ...


    Bei mir steht momentan auch ein Umzug ins Haus und ich bin gerade dabei einen Umzugs-LKW zu besorgen. Plane im Zuge dessen dann auch einen Umzug in ein größeres Becken und ich bin auch schon gespannt ob das was an der Endgröße ändert. In der neuen Wohnung habe ich dann einfach viel mehr Platz und da kommt dann auch ein viel größeres Aquarium rein. Ich freue mich schon sehr drauf.

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