Kempkes: Die Guppys

  • Buchbesprechung


    Michael Kempkes: Die Guppys.
    Band 1 – Biologie des Guppys: 370 S., 61 SW- und 107 Farbabbildungen, Format DIN A 5, Hardcover, 54,95 Euro.
    Band 2 – Guppys als Aquarienfische: 410 S., 13 SW- und 74 Farbabbildungen, Format DIN A 5, Hardcover, 54,95 Euro.
    Band 1 und 2 zusammen: 98,00 Euro.


    Alleine angesichts des Umfangs des sorgfältig zusammengetragenen Materials muss man Hochachtung vor dieser Leistung haben. Jede auch nur halbwegs relevante Literatur wurde berücksichtigt und ausgewertet. Band 1 enthält die Biologie des Guppys und richtet sich mehr an den Fachmann, der auch mit den vielen Fachausdrücken etwas anfangen kann. Band 2 dagegen ist dem Guppy als Aquarienfisch gewidmet und richtet sich eher an den Praktiker.


    Band 1 enthält die folgenden Hauptkapitel: Taxonomie und Systematik, Entstehung der Guppys, Morphologie, Ökologie, Verhalten, Fortpflanzung und Entwicklung, die Guppys in der Wissenschaft, mit jeweils mehreren Unterkapiteln.


    Einige Anmerkungen seien zu Kapitel 2 erlaubt. Leider geht Kempkes sehr unkritisch mit der Einordnung der Lebendgebärenden Zahnkarpfen als Unterfamilie Poeciliinae um; diese ist umstritten, da Parenti in ihrer kladistischen Analyse wichtige Merkmale ignorierte, etwa das Lebendgebären und die Gonopodien-bildung. Pantanodon ist übrigens keineswegs der Afrikanische Schmetterlingsfisch (eine Verwandtschaft mit diesem wäre auch merkwürdig, er steht den Knochenzünglern nahe) und stammt aus Nigeria und dem Kongo, sondern ein – in diesem Beispiel – auf Madagaskar vorkommender Killifisch.


    Im Kapitel 4 über Ökologie werden alle diesbezüglichen Erkenntnisse zusammengefasst. Wer diese Seiten sorgfältig studiert, wird mehr Verständnis für die Beziehungen der Guppys zu ihrer Umwelt entwickeln. Auch die Verbreitung wird geschildert, wobei nicht berücksichtigt wurde, dass es sich nach den Angaben in der Beschreibung von Poecilia obscura bei den im Verbreitungsgebiet von P. wingei gefundenen phäno-tyopischen P. reticulata genetisch um P. wingei handelt, der also zahlreiche Erscheinungsformen hat.


    Ähnliches gilt für das Kapitel 5 Verhalten. Hier ist keine Lücke vorhanden, alles wurde beschrieben. Nur dort, wo Kemp-kes eigene Beobachtungen schildert, sind die dargestellten Ergebnisse manchmal (aber keinesfalls immer!) etwas überinterpretiert oder beruhen auf einer zu geringen Beobachtungszeit (etwa bei Feldbeobachtungen, die kaum in wenigen Tagen zu verwertbaren Ergebnissen führen können). Schaut man darüber aber hinweg, ist das Verhalten umfassend zu verstehen.


    Einige Darstellungen des Kapitels 6, Fortpflanzung und Entwicklung, hätten vielleicht in das vorhergehende Kapitel gepasst, wenn es etwa um unterschiedliche Balzintensitäten verschiedener Guppystämme geht. Aber das schmälert die Ergebnisse nicht.


    In Kapitel 7 findet sich eine genaue Schilderung der wissenschaftlichen Beschreibung der drei Guppyarten und der wesentlichen Synonyme. Etwas kurz fällt die Beschreibung von P. obscura aus, das ist aber dem Umstand geschuldet, dass das Buch zu diesem Zeitpunkt eigentlich schon fertig war. Die teilweise heute noch in der DGLZ gehaltenen Forschungsstämme werden hier ebenfalls vorgestellt.


    Leider fehlt in diesem Band das Sachregister, so dass derjenige, der nur diesen Band kauft, Schwierigkeiten haben wird, sich zurechtzufinden. Das hätte man unbedingt ergänzen sollen.


    Damit sind wir auch schon bei Band 2. Hier finden sich folgende Hauptkapitel: Domestikation und genetische Grundlagen der Guppyzucht, Haltung und Pflege von Wild- und Hochzuchtguppys, die Hochzucht in der Praxis, die organisierte Guppyzucht, die wichtigsten Hochzuchtstämme der Vergangenheit und der Gegenwart, Krankheiten und genetische Defekte, der Guppyzüchter als Forscher sowie Literatur, Internetseiten und Vereine, Glossar, Literaturverzeichnis, Art-, Personen-, Sach- und Ortsregister.


    In Kapitel 8 geht der Autor sehr detailliert auf die Grundlagen der Genetik ein. Auch wenn es schwer verständlich sein mag, trotz der relativ einfachen Darstellung, so ist es doch ein Kapitel, dass angehende Hochzüchter unbedingt studieren sollten. Vielleicht nicht auf einmal, aber das dort Beschriebene sollte nach und nach erarbeitet werden, um die Guppygenetik besser zu verstehen. Auch die Zusammenstellung der bisher beschriebenen Gene etc. ist überaus hilfreich.

    In Kapitel 9 hätten die allgemeinen Angaben zur Aquaristik (Bodengrund etc.) ohne Qualitätsverlust weggelassen werden können. Wer sich dieses Buch zulegt, hat diese Kenntnisse bereits.


    Kapitel 10 über Hochzucht entwickelt seine Qualität durch die detaillierten Schilderungen der verschiedenen Wege der Hochzucht und ist tatsächlich eine praktische Anleitung für alle Aquarianer, die tiefer in die Zucht einsteigen wollen und den für sie besten Weg suchen. Etwas knapp ist das aktuelle Thema der Endlerzuchtformen behandelt.


    Ein Wort zur Bebilderung. Sicherlich aus Kostengründen ist – trotz der annähernd 200 Farbfotos – wirklich nur das Notwendigste abgebildet worden. Man hätte sich, gerade in diesem umfassenden Zusammenhang, noch viel mehr Bilder vorstellen können. Andererseits muss betont werden, dass die vorhandenen Bilder nahezu alle von guter bis exzellenter Qualität sind, wenn sie auch manchmal etwas klein sind (sicher auch dem Umfang geschuldet).

    Die Zielgruppe dieses Buchs ist leider relativ klein. Der Anfänger oder wenig Erfahrene in der Guppyzucht ist mit diesem Buch restlos überfordert. Zwar sind in Kapitel 9 auch für diese Gruppe möglicherweise wichtige Informationen enthalten, sie werden aber vom Rest geradezu erschlagen werden. Der erfahrene Praktiker wird sich dieses Buch vielleicht als Nachschlagewerk zulegen, hat aber bereits die meisten Kenntnisse, die für ihn relevant sind. Deutschsprachige Wissenschaftler, die mit Guppys im Sinne dieses Buchs (also nicht als reines Labortier) arbeiten, gibt es kaum; das Manko für diese Zielgruppe ist sicherlich auch, dass man von ihnen verlangt, Originalquellen zu zitieren. Bleibt also der fortgeschrittene Guppyzüchter, der erste Schritte in Richtung Hochzucht unternehmen will – und der findet hier eine überaus weitreichende Quelle. Angesichts der Arbeit des Autors und der Vielzahl der Informationen ist es schade, dass die Zielgruppe so klein ist.


    Fazit: Zu einem dem Buchumfang und seiner Ausstattung angemessenen Preis-/Leistungsverhältnis wird ein zweibändiges Buch über den Guppy (P. reticulata, P. wingei ist als Wildform zufriedenstellend, als Zuchtform unterrepräsentiert dargestellt) präsentiert, dass so – auch auf internationalem Standard – noch nicht existiert hat. Auch wenn einige kleine Schwächen nicht zu übersehen sind, wird gerade der fortgeschrittene Züchter, der diese Angaben kritisch hinterfragt, zu einem echten Erkenntnisgewinn kommen und das Buch nicht missen mögen. Insgesamt ist das Buch als durchaus gelungen zu bezeichnen und wird für die skizzierte Zielgruppe zum Muss. Leider ist diese klein. Trotzdem ist dem Buch eine große Verbreitung zu gönnen. Chapeau!


    Harro Hieronimus

  • Hallo Harro,
    na, wenn selbst dir als altem Haare-in-der-Suppe-Sucher nichts weiter einfällt, werde ich das Buch wohl kaufen müssen. Jucken tut´s mich schon, obwohl ich eigentlich nicht zu der von dir beschriebenen Zielgruppe gehöre.


    Zitat von "harroh"


    Einige Anmerkungen seien zu Kapitel 2 erlaubt. Leider geht Kempkes sehr unkritisch mit der Einordnung der Lebendgebärenden Zahnkarpfen als Unterfamilie Poeciliinae um; diese ist umstritten, da Parenti in ihrer kladistischen Analyse wichtige Merkmale ignorierte, etwa das Lebendgebären und die Gonopodien-bildung.


    Ach, da habe ich wieder etwas gelernt: Ich dachte doch tatsächlich, dass es seit R.R. Miller´s Tod eigentlich niemanden mehr gibt, der Parenti´s Thesen ernsthaft bestreitet. Ich wäre dir wirklich sehr dankbar, wenn du mir bitte ernst zu nehmende Quellen (so aus den letzten fünf Jahren vielleicht - auch gerne als pn) nennen könntest, die Parenti widersprechen? Das würde mich wirklich SEHR interessieren! Danke!


    Wissbegierige Grüße,
    Markus

  • Hallo,


    dann oute ich mich mal: Ich bin von Band 1 begeistert, den kann ich wirklich empfehlen, dort wird massig literatur verarbeitet und es macht weitestgehend auch spaß, diesen band zu lesen. Band 2 hat mich allerdings sehr enttäuscht, eine ausführliche besprechung erscheint voraussichtlich im kommenden igmx-spektrum. Zusammengefasst:


    Einiges ist wird behauptet, aber nicht begründet und widerspricht beobachtungen anderer aquarianer (Scarlet als artreine zuchtform von wingei-wildfängen? Woher kommt dann das magenta?), anderes ist subjektiv (jungguppys auch aus großen würfen müssen in den ersten tagen nicht schon in 80l - becken schwimmen), bekannte fehler sind nicht korrigiert ("luftschnappen" zum füllen der schwimmblase, vgl. das LG-buch von Gärtner; von ablaichkästen wird auch nur halbherzig abgeraten, anstatt sie als das zu bezeichnen, was sie sind: tierquälerei).


    Das kapitel über die hochzucht ist für mich misslungen: Die pauschale ablehnung von doppelt rezessiven grundfarben (S.529) ist nicht nachvollziehbar, die aussage „Eine globale Akzeptanz und Selbstbeschränkung der Züchter auf gesunde Zuchtformen mit einem entsprechenden Habitus und einem natürlichen Schwimmverhalten“ (S. 652) könnte so verstanden werden als gäbe es züchter, die kranke formen vermehren und womöglich auf derartige Merkmale selektieren. Schließlich lässt auch der (bewusst?) diffus formulierte Satz „Vereine, die den ausgestellten Guppys keine guten Lebensbedingungen bieten, sollten bei der Vergabe internationaler Guppyschauen in den Folgejahren keine Berücksichtigung mehr finden.“ (S. 635) viel spielraum für vermutungen – leider werden keine konkreten beispiele angeführt, wo und wann keine „guten lebensbedingungen“ geboten waren und was überhaupt darunter zu verstehen sei.


    Schockiert hat mich die gebrauchsanweisung zur künstlichen besamung, auf die der „geübte Guppyzüchter“ zurückgreifen könne. Wo bleibt da die an anderer stelle immer wieder vom verfasser geforderte ethik???
    Ebenso schockiert hat mich die aussage, dass es eine „gute Möglichkeit“ sei, einen fisch durch den nackenschnitt mit einer scharfen rasierlinge oder einer schere zu töten (S. 710). Sieben zeilen weiter wird dann das tierschutzgesetz zitiert, wonach vor dem töten in der regel eine betäubung zu erfolgen hat (die Kempkes dann auch beschreibt).


    Ich könnte noch eine reihe weiterer schwachpunkte und widersprüche aufzählen (z.b. die behauptung, dass ein bewerter zwischen 5 und 10 minuten zur bewertung eines trios braucht - rechnet mal nach, wie lange der bei 200 sätzen beschäftigt ist!!!), möchte aber lieber darauf hinweisen, dass auch band 2 seine stärken hat, z.b. bei der schilderung der geschichte der guppyzucht und auch bei den themen wasserchemie und futter. Beide bände sollten in der bibliothek der wirklichen guppyfreaks nicht fehlen, wer aber nicht mal eben gut 50 euro für band 2 übrig hat, sollte versuchen, das buch erst mal über eine bibliothek zu leihen und nach der lektüre zu entscheiden!


    Zum schluss etwas, das mich schmunzeln ließ:


    „Zur Verfütterung des Trockenfutters sollte man eine Pinzette benutzen, da sich an der menschlichen Haut Fette und eventuelle Rückstände kosmetischer Produkte oder anderer, auf die Fische möglicherweise toxisch wirkender Stoffe befinden können. Grobflockiges Futter kann mit Hilfe eines Mörsers vor der Verfütterung zerkleinert werden.“ (S. 504) – leider fehlt hier ein Bild, wie das zerstoßene futter mit der pinzette zu den Fischen gebracht wird!

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